Eisenhüttenstadt, mit seinen 24.000 Einwohnern an der deutsch-polnischen Grenze, ist eine Stadt, die es alles andere als leicht hat. Normalerweise plagt der Ort die Herausforderung von Abwanderung und leer stehenden Wohnungen. Doch in diesem Sommer gab es eine überraschende Wende: Mehr als 2.000 Interessierte aus ganz Deutschland bewarben sich um gerade mal zwei Wohnungen in der Stadt. Warum das so ist? Die Stadt hatte ein Probewohnen in vollmöblierten Apartments für zwei Wochen kostenlos angeboten. Dieses Projekt soll das Interesse an Eisenhüttenstadt wecken und darauf abzielen, die Einwohnerzahl zu steigern. Ein Vorhaben, das in anderen Städten wie Guben und Homberg bereits Erfolge gefeiert hat, wie taz.de berichtet.
Die Resonanz auf das Probewohnen war enorm, und der Presseandrang zur Vorstellung der Probewohnenden war groß. Bewohner:innen der Stadt, die die Ruhe und die gute Erreichbarkeit von Dienstleistungen schätzen, erzählen überzeugt von ihren positiven Erfahrungen. Helga, 72 Jahre alt, hebt die Nähe zu Arzt und Apotheke sowie die wunderschöne Natur hervor. Auch Mohamed, ein Neuling in Eisenhüttenstadt, der vor einem Jahr zog, empfindet die Stadt als schön und sicher.
Die Vision hinter dem Probewohnen
Julia Basan, die das Pilotprojekt leitet, war von der Anzahl der eingegangenen Bewerbungen überwältigt. Viele Interessierte kamen sogar aus großen Städten wie Berlin und München. Angesichts der Mieten in Eisenhüttenstadt – gerade mal sechs Euro kalt pro Quadratmeter – scheinen die Stadt und ihre Angebote hoch im Kurs zu stehen. Die städtebauliche Einzigartigkeit der Stadt ist zudem nicht zu verkennen. Eisenhüttenstadt, ursprünglich als sozialistische Musterstadt gegründet, steht unter Denkmalschutz und bietet historische Wohnstätten, die eine spannende Geschichte erzählen.
Jonas Brander, ein Probewohner und Dokumentarfilmer, beschreibt die Stadt als ehemalige Utopie, die jedoch mit Zukunftsängsten kämpft. Diese Auseinandersetzung mit der Geschichte und der gegenwärtigen Situation hat besondere Bedeutung, da die Stadt in den letzten Jahrzehnten einen drastischen Rückgang der Bevölkerung erlebte. Von 53.000 Einwohnern im Jahr 1989 fiel die Zahl auf ca. 25.000 nach dem politischen Umbruch 1990, was nicht nur zu einem Rückgang der Geburtenzahlen, sondern auch zu einer Überalterung der Bevölkerung führte. Das führte wieder zu Mehr lesen … demografischen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.
Stadtumbau und neue Perspektiven
Nach 2001 begann der Stadtumbau mit dem Ziel, tragfähige Stadtstrukturen zu schaffen. Dazu gehören die Stärkung der Innenstadt und die Modernisierung des Wohnungsbestandes, um den demografischen Veränderungen Rechnung zu tragen. Über 6.500 Wohnungen wurden bereits rückgebaut, und zahlreiche soziale Infrastrukturen saniert. In den letzten Jahren lag der Fokus auch auf der Barrierefreiheit und der energetischen Nachhaltigkeit der Wohngebäude in Eisenhüttenstadt. Finanzierungen stammen nicht nur aus dem städtischen Haushalt, sondern auch von EU-, Bundes- und Landesmitteln sowie der Unterstützung Dritter, was zeigt, dass die Initiative auf breiteren Schultern steht.
Wie weiter? Die Stadt wird nicht aufhören, sich um neue Bewohner:innen zu bemühen. Der Ansatz des Probewohnens könnte somit der Schlüssel sein, um Eisenhüttenstadt zu einem Ort zu machen, an dem sich wieder die Menschen wohlfühlen und bleiben – eine echte Chance auf einen Neuanfang. Lohnt es sich, in Eisenhüttenstadt mehr als nur einen kurzen Besuch abzuhalten? Viele scheinen genau das herausfinden zu wollen.