Sidebar Werbung
Sidebar Werbung

In Prenzlau wird in diesem Jahr ein ganz besonderes Ereignis gefeiert: Hartmut Stachelhaus und seine ehemaligen Mitschüler blicken auf 60 Jahre nach ihrem Schulabschluss an der Diesterweg-Schule zurück. Diese Schule existiert allerdings nicht mehr am alten Standort. Stachelhaus, der in dritter Generation ein Schuhgeschäft mit Reparaturwerkstatt in der Steinstraße betreibt, hat sich auf die Suche nach alten Fotos der Steinstraße gemacht, um sein Klassentreffen zu bereichern. Am Tag des offenen Archivs im Historischen Stadtarchiv konnte er seine Suche fortsetzen, unterstützt von Archivleiterin Sabine Nietzold, die ihm Karteikästen mit wertvollen Aufnahmen zur Verfügung stellte.

Das diesjährige Thema des Archivtags, „Alte Heimat – neue Heimat“, nimmt besonders Bezug auf die Schicksale der Russlanddeutschen. Diese Gruppe von Menschen floh 1929 aus der Sowjetunion und wanderte 1930 nach Kanada, Brasilien und Paraguay aus. Die tragischen Schicksale, die viele dieser Menschen durchlebten, wurden durch eine Masern-Epidemie verstärkt, die viele Opfer forderte. Ein Gedenkstein auf dem Städtischen Friedhof in Prenzlau erinnert an diese Verstorbenen. Dr. Dieter Neuendorf präsentierte während des Aktionstags seine Forschungsergebnisse, die er auf Basis von Fotos aus dem Nachlass seiner Tante erarbeitet hat, die Kinder der Russlanddeutschen in Prenzlau betreute.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Eine Korrektur mit Bedeutung

Besonders bemerkenswert war die Entdeckung einer Ungenauigkeit im Friedhofsregister: Statt der zuvor angenommenen 66 verstorbenen Kinder waren es tatsächlich 74, die namentlich erfasst sind. Bürgermeister Marek Wöller-Beetz kündigte an, sich um die Korrektur der Zahl am Gedenkstein zu kümmern. Der Aktionstag im Historischen Stadtarchiv fand regen Zuspruch: Rund 60 Interessierte besuchten die Veranstaltung, die neben Neuendorfs Vortrag auch eine Ausstellung und Führungen durch das Archiv beinhaltete.

Das Stadtarchiv hat eine lange Geschichte, die bis ins Jahr 1585 zurückreicht, als die ältesten Bürgerbücher entstanden. Darüber hinaus enthält das Archiv gesammelte Ausgaben des Uckermark Kurier und der „Freien Erde“. Sabine Nietzold und ihre Kollegin Steffi Huth bearbeiten Anfragen von Familienforschern, Studenten und Schülern und überarbeiten die Texte der Zeitspuren-Tafeln, um die Vergangenheit lebendig zu halten.

Die Geschichte der Russlanddeutschen

Die Geschichte der Russlanddeutschen ist vielschichtig und reicht bis in das 12. Jahrhundert zurück, als deutsche Kaufleute in Nowgorod ankamen. Unter Iwan III. und später Iwan IV. wurden deutsche Fachkräfte nach Russland eingeladen, was zur Bildung einer Deutschen Vorstadt führte. Diese Entwicklung wurde unter Katharina II. weiter gefördert, die Siedler mit Privilegien anwarb. Zwischen 1764 und 1767 wanderten rund 30.000 Deutsche nach Russland aus, viele von ihnen überlebten die Strapazen jedoch nicht. Trotz der Herausforderungen erreichten die Siedler gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen bescheidenen Wohlstand.

Im 19. Jahrhundert wuchs der Einfluss der deutschen Minderheit, viele waren im Offizierscorps und besaßen Banken und Fabriken. Doch mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 kam es zu Neid und Spannungen mit der russischen Bauernbevölkerung. Die Russifizierungsmaßnahmen nach dem Angleichungsgesetz von 1871 führten dazu, dass der Sonderstatus der Kolonisten aufgehoben wurde. Die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen verschlechterten sich, insbesondere nach der Oktoberrevolution 1917, als viele deutsche Siedler Zwangsumsiedlungen erlebten.

Ein neues Zuhause finden

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Russlanddeutsche deportiert und erlitten schwere Repressionen. Erst 1955 wurden die Kommandanturen aufgehoben und die Russlanddeutschen durften sich wieder frei bewegen. Die Integration in Deutschland verlief nicht immer reibungslos, doch insgesamt konnten sich die Russlanddeutschen gut einfügen. Ihre Geschichte, die auch ein eigenständiges deutschsprachiges Bildungswesen in Russland umfasste, ist ein bedeutender Teil der deutschen und europäischen Geschichte. Bildung spielte eine zentrale Rolle in den deutschen Kolonien und wurde durch die Kirchen maßgeblich geprägt.

Insgesamt zeigt der Aktionstag im Historischen Stadtarchiv, wie wichtig es ist, die Geschichte der Russlanddeutschen zu bewahren und den nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Hartmut Stachelhaus wurde eingeladen, erneut zu kommen, um in Ruhe nach Fotos zu suchen, die nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die der Stadt und ihrer Bewohner dokumentieren.