Am 26. Februar 2026 sorgt ein Antrag der Stadtverordnetenversammlung (SVV) von Hennigsdorf für Aufregung: Die Einführung einer Bürgerwehr zur Stärkung des „subjektiven Sicherheitsempfindens“ in der Nähe des Bahnhofs steht zur Diskussion. Der Antrag wurde von der AfD eingebracht und erhielt 16 Ja-Stimmen bei 14 Nein-Stimmen. Unter den Befürwortern sind fünf CDU-Verordnete, vier von der Wählervereinigung „Bürger für Hennigsdorf“ und die gesamte AfD-Fraktion. Insbesondere der CDU-Fraktionschef Werner Scheeren bezeichnete den Antrag als präventive Maßnahme, die nicht parteipolitisch motiviert sei.

Die Brandenburger AfD wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, was die Diskussion um die Bürgerwehr zusätzlich anheizt. Der Antrag sieht vor, dass ehrenamtliche Bürger im Bahnhofsumfeld patrouillieren, um auf Fahrraddiebstähle und „unangemessenes Verhalten“ zu achten. Laut dem Antrag sollen die Bürger als „aufmerksame Nachbarn“ die Polizei oder Behörden bei Gefahrenlagen alarmieren. Interessanterweise basiert dieser Antrag auf einem Erlass des Brandenburger Innenministeriums von 2017, der sozial engagierten Bürgern die Tätigkeit für die Gemeinde ermöglicht.

Die Einschätzung der Polizei und der Gesellschaft

Hauptkommissar Gerald Bliß, der Leiter der Hennigsdorfer Polizei, äußerte sich skeptisch zu dem Vorhaben und schätzt den Nutzen als gering ein. Sicherheitspartnerschaften sollten, so Bliß, in der Regel aus der Basis entstehen und sich in Wohngebieten oder Kleingartenkolonien engagieren. Er weist darauf hin, dass die Kriminalitätszahlen in Hennigsdorf nicht höher sind als in der Umgebung. Diese Einordnung wirft Fragen auf: Warum empfindet ein Teil der Bevölkerung dennoch ein höheres Sicherheitsbedürfnis?

Eine Erklärung könnte die Diskrepanz zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit sein. Laut dem Deutschen Viktimisierungssurvey fühlen sich viele Deutsche in unsicheren Zeiten, obwohl die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt, dass Deutschland insgesamt ein sicheres Land ist. Die PKS erfasste 2016 rund 6,4 Millionen Straftaten, was einen Rückgang um 0,7 % im Vergleich zum Vorjahr darstellt. Dennoch äußern Umfragen, dass eine Mehrheit der Deutschen sich unsicher fühlt, besonders vor der Bundestagswahl 2017.

Gesellschaftliche Auswirkungen und die Rolle des Innenministeriums

Der Grüne Stadtverordnete Clemens Rostock kritisierte die Zusammenarbeit von CDU und AfD und äußerte Bedenken über die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen. Er forderte das Innenministerium auf, den Erlass zu den Sicherheitspartnern zu überarbeiten oder aufzuheben. Brandenburgs Innenminister René Wilke (SPD) hingegen hat derzeit keine Pläne zur Änderung des Erlasses und misst dem Vorgang keine besondere Bedeutung bei. Das Ministerium unterstützt die Bildung von Sicherheitspartnerschaften und verweist auf positive Erfahrungen in anderen Gemeinden.

Die Diskussion um subjektives und objektives Sicherheitsgefühl wird durch das Forschungsprojekt BaSiD (Barometer für Sicherheit in Deutschland) verstärkt. Dieses interdisziplinäre Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, zielt darauf ab, eine breite Datenbasis über Sicherheitsaspekte in Deutschland zu schaffen. Dabei werden sowohl objektivierbare Daten zu Schadensereignissen als auch die Erfahrungen von Viktimisierung untersucht.

Insgesamt zeigt die Situation in Hennigsdorf, wie komplex das Thema Sicherheit ist. Während die objektiven Zahlen sinken, bleibt das subjektive Gefühl der Unsicherheit ein wichtiges Thema, das nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes beschäftigen sollte. Die Bürgerwehr-Initiative ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Sicherheit wahrgenommen wird und welche politischen Strömungen diese Wahrnehmung beeinflussen können.